Aktuelle Mitteilungen des Landesfischereiverbandes MV e.V.

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Nordseeschollen werden magerer

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Bestand so groß wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr

Sind die Nordseeschollen „unterfischt“?

Der Schollenbestand in der Nordsee erreicht seit Jahren ein Rekordhoch nach dem anderen. Die Menge an ausgewachsenen Schollen bewegt sich um eine Million Tonnen. Das ist seit Beginn der wissenschaftlichen Bestandsanalyse noch nie dagewesen. In diesem Jahr schätzt der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) den Elterntierbestand auf ca. 935 Tausend Tonnen. Trotzdem hatte der ICES für das kommende Jahr eine Absenkung der Fangmenge um 36 Prozent empfohlen. Bei der Fischerei stößt dieser Vorschlag auf Unverständnis.

Eine umfassende Analyse der wissenschaftlichen Daten zeigt eindeutig, dass die Schollen in bestimmten Altersklassen deutlich leichter sind als in den Jahren mit geringerer Populations­dichte. Die dreijährigen Schollen wogen 2003 im Durchschnitt noch über 200 Gramm, jetzt sind es nur noch gut 100 Gramm. Sie sind fast 50 % leichter als vor 13 Jahren. Bei den
5-jährigen beträgt die Abnahme des Durchschnittsgewichtes rund 20 %, sie wiegen nur noch rund 270 Gramm. Auch bei den ganz großen gab es rund 30 % Gewichtsverlust. Eine Scholle der Altersklasse 9 hat im Jahr 2003 noch rund 700 g auf die Waage gebracht. Jetzt wiegen die 9-jährigen nur noch knapp 500 Gramm.

Solche Entwicklungen kennt man von Beständen, die so groß geworden sind, dass die Nahrung nicht mehr ausreicht, um allen Tieren ein optimales Wachstum zu ermöglichen. Der Fachmann spricht von „dichteabhängiger Wachstumsdepression“. Das Phänomen ist bekannt aus nährstoffarmen bzw. überbevölkerten Seen. Dort bleiben manche Fischarten in großen Beständen ausgesprochen kleinwüchsig. Aber auch im Meer kann es zu solchen Erschei­nungen kommen, wenn die Bestände nicht ausreichend befischt werden. Sie sind dann „unterfischt“.

Die Folge des langsameren Wachstums der Einzeltiere ist der Rückgang der Ertragsfähigkeit von solchen Beständen. Es wird nicht mehr der maximal mögliche Dauerertrag erzielt, weil die Bestände an Produktivität verlieren. Sie sind dann nicht mehr nachhaltig bewirtschaftet gemäß dem Ziel der Europäischen Fischereipolitik und liefern nicht mehr den „höchst­möglichen Dauerertrag“ (MSY).

Eine weitere Hypothese erklärt das Phänomen mit einem Rückgang der Nährstoffeinträge (Phosphor, Stickstoff) in die Nordsee und dadurch einer Abnahme der Produktivität des Ökosystems. Dies würde dazu führen, dass es weniger Nahrung für die Fische gibt. Es lässt sich aktuell belegen, dass der Nährstoffeintrag z. B. über die Elbe in die Nordsee tatsächlich seit Jahren rückläufig ist.

Die Schlussfolgerung für die fischereiliche Bewirtschaftung wäre eine Erhöhung der Fang­menge. Dadurch kann man die Bestandsgröße soweit an die natürlichen Rahmenbedingungen anpassen, dass die Einzeltiere wieder optimale Lebensbedingungen haben. Auch die kürzlich von der Wissenschaft vorgenommene Erhöhung des Zielwertes für die dauerhafte Bestands­biomasse auf 500.000 Tonnen müsste zurückgenommen werden.

„Es ist unbestritten, dass man durch Überfischung am Ende ganz viele Erträge verschenkt. Genauso unsinnig ist es aber, wenn man zu wenig fischt und die Fische deshalb langsamer wachsen“ fasst Kapitän Dirk Sander die Lage zusammen.

PM VERBAND DER DEUTSCHEN KUTTER- u. KÜSTENFISCHER e.V.; Claus Ubl 0176– 832 10 604; DFV e. V.; Hamburg, 5.12.2017